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Wie alles Begann…..

Bereits aus der Ferne ist reges Treiben zu vernehmen. Das Flurstück Langmatt zwischen Brunnenbachtal und der Fahrstrasse Richtung Sichtern ist zu neuem Leben erwacht. Ein kleines Mädchen schiebt eine Schubkarre über das Gelände. Sie lädt Heu und Blumen ein. Dann wird der Rhabarber gegossen. Ein Baby weint kurz, weil es sich beim Krabbeln über die Wiese in einem Ast verfangen hat. Sogleich wird es auf den Arm genommen. Ein kleiner Junge ruft seine Freundin. Er möchte mit ihr eine Schlammsuppe kochen und nimmt sie an der Hand mit zur Matschküche. Ab und zu ist es still, dann ist das Summen von Bienen und das Zwitschern der Vögel zu vernehmen.

Im Wald wächst massenhaft Bärlauch. Zusammen mit ein paar Kichererbsen und feinem Olivenöl entsteht ein leckeres Z’Mittag über dem Feuer. Cassiano brät Kartoffeln und hilft den Kindern das Schlangenbrot um ihre angespitzten Stöcke zu schlängeln. Er liebe es in der Natur zu kochen und möchte während der Spielgruppe, die hier ab Mitte April dreimal wöchentlich stattfindet, mit den Kindern diese alltäglichen Dinge machen, die ein Leben in und mit der Natur ausmachen. Bauen und Basteln mit Blättern, Zapfen, Holz oder Lehm, Gemüsebeete pflegen und Ernten, Wildkräuter und Beeren sammeln. „Wir alle sind beseelte Natur, ich wünsche, dass die Kinder das von Beginn an spüren“, so der gebürtige Brasilianer.

Dumpf sind oben aus dem Wald Hammerschläge zu hören. Ein Waldsofa entsteht. Auf einem kleinen Pfad, der nun durch den Wald führt, tragen ein paar Kinder Äste zu dem ebenen schattigen Plätzchen oberhalb des Hanges. „Hier in der Natur lernen die Kinder sich auch in unwegsamem Gelände fortzubewegen und zu orientieren, und diese mit allen Sinnen wahrzunehmen“, bemerkt Christina Bonanati, Mutter und Mitinitatorin des Projekts Waldspielgarten Nuglar.

Stefan Gaugler, der das Grundstück vor einigen Jahren von seinem Grossvater erbte, steht voller Tatendrang in roten Arbeitsschutzhosen im Wald. Dieser Hektar Land,  Garten und Weiden, gesäumt von zwei Waldstücken, wurde Jahrzehntelang von Bruno Gaugler mit Schafen und Ziegen bewirtschaftet. „Schon als kleiner Junge habe ich hier viel mitgeholfen und es geliebt Zeit mit meinem Grossvater zu verbringen, auch wenn es manchmal harte Arbeit bedeutete“, erinnert sich deren Enkel. Gemeinsam mit der Familie seiner Frau Jarah Gaugler pflanzten sie in den letzten Jahren bereits 15 Hochstämmer, legten Gemüsebeete an und siedelten mit Jarahs Bruder Simon, welcher Imker ist, vier Bienenvölker an.

Am Hang sind ein paar Menschen damit beschäftigt die Wiese zu bearbeiten. „Wir freuen uns sehr, dass im Sommer hier wieder Engadiner Schafe grasen werden“, so Jarah Gaugler. Dafür muss jedoch die Weide von den für sie giftigen Herbstzeitlosen befreit werden. Zum Glück kommen immer wieder fleissige Helfende vorbei. Gemeinsam macht die Arbeit richtig Spass.

Ein gemeinsamer Herzenswunsch

Seit der Geburt ihrer Kinder hatten zwei Mütter aus Nuglar eine Vision. Sie wünschten sich einen Ort der Gemeinschaft an dem Kinder, umgeben von vertrauten Menschen in der Natur aufwachsen und mit Kindern unterschiedlichen Alters frei spielen können. „Wir haben schon öfters unsere Kinder gegenseitig gehütet, aber haben uns einen Ort in der Natur und eine Struktur gewünscht, um dies auch mit anderen Eltern teilen zu können“, so Julia Rell. Das afrikanische Sprichwort “Es braucht ein Dorf um ein Kind grosszuziehen” veranschaulicht die Notwendigkeit einer stabilen Gemeinschaft, die es braucht, damit sich unsere Kinder zu starken Persönlichkeiten entwickeln können. In vielen alten Kulturen, besonders in ärmeren Gesellschaften, wird das noch gelebt: Man kümmert sich gemeinsam um Kinder und Alte. Es ist selbstverständlich, dass niemand durch das soziale Netz fällt, selbst bei knappen materiellen Ressourcen. Hier im Waldspielgarten wird er nun Realität, ihr Traum von diesem “Dorf”, im Sinne eines Netzwerkes aus stärkenden Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und Familien, in dem man sich gemeinsam weiterentwickeln kann. Auch war es stets der Traum von Jarah und Stefan Gaugler eine Gemeinschaft mit anderen Familien aufzubauen und „die Langmatt“ sinnvoll nutzen und wertschätzen zu können.

Eine Naturspielgruppe mit Visionen

Gleichzeitig hatte Esthi, die Freundin von Imker Simon, den Wunsch dort eine Naturspielgruppe zu leiten. Die Sozialpädagogin FH hat auch noch andere Visionen: „Vielleicht können wir hier irgendwann eine Kita gründen und weitere Angebote auch für Jugendliche und Familien machen“.

Und so kam eines zum anderen: Gemeinsam mit der Familie Gaugler und weiteren Familien wurde im März 2021 der Verein „Waldspielgarten Nuglar“ gegründet, welcher das Gelände nutzen darf. Seither gab es noch viel zu tun. Das Gelände musste kindersicher gemacht werden, die Schafhaltung wurde geplant, ein Preiskonzept und die Wochenplanung  wurden erarbeitet und vieles mehr. Der Verein möchte, dass die Spielgruppe und die anderen Angebote für alle Kinder aus der Region zugänglich sind, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Durch die Vereinsstrukur, ehrenamtliche Tätigkeiten und weitere Veranstaltungen kann hoffentlich einiges abgefedert werden. Trotzdem ist der Verein dankbar für Spenden, ob finanzieller, materieller oder handwerklicher Art.

In der Hütte, die noch von seinem Urgrossvater stammt hat Stefan Gaugler nun etwas aufgeräumt, Platz geschaffen und einen Ofen installiert, damit sich die Spielgruppenkinder bei schlechtem oder kaltem Wetter auch drinnen mal aufwärmen können. Spielzeug möchten die SpielgruppenbegleiterInnen nicht. „Die Natur hat so viele Materialien zu bieten. Sich die Spielsachen selbst zu kreieren fördert die Kreativität der Kinder“, erklärt Esthi. Gemeinsam mit Cassiano absolviert sie derzeit die Ausbildung zur Spielgruppenleiter/in an der Akademie für anthroposophische Pädagogik (Afap) in Dornach.  Auch Cassiano freut sich sehr darüber, dass das Projekt Waldspielgarten so viel Dynamik bekommen hat. Denn für ihn bedeutet dies ein Zeichen zu setzten, dass wir die Macht haben etwas grosses zu bewirken, wenn wir uns entscheiden, Verantwortung zu übernehmen. Ergänzt wird die Spielgruppenbegleitung noch durch Manu, der das Team mit seiner Erfahrung bereichert, die er als Familienbegleiter, in Natur-und Wildnispädagogik sowie aus seiner Arbeit in einem Waldkindergarten hat. „Das Zauberwäldli ist für die Kinder ein Ort voll Wunder und Märli um und mit der Natur“ glaubt Manu. Die drei liebevollen, kreativen und naturnahen Menschen werden die Kinder bei ihrem Aufenthalt in der Natur begleiten und bei ihnen soziale und authentische Grundwerte, Selbstbewusstsein, und Kreativität fördern und stärken. Sie möchten die Jahreszeiten beobachten, der Natur für das Essen danken und Rituale feiern. „Denn Rituale schaffen Gemeinschaft und Geborgenheit“ ergänzt Manu.

Esthis Mischlingshündin Mia ist auch mit dabei. Auch Mia ist noch jung und auch für sie ist einiges noch neu hier. Sie geht noch wöchentlich zur Hundeschule und wird bald auch zur Therapiehündin ausgebildet.

Ein Ort der Begegnung

Neben der Naturspielgruppe, steht nun auch zweimal wöchentlich am Nachmittag das Treffen im Rahmen des „Offenen Waldspielgartens“ auf dem Programm. Auch ältere Menschen, oder solche ohne Kinder sind im Waldspielgarten herzlich willkommen. Es ist unser Wunsch, mit den Kindern Zeit in und mit der Natur zu verbringen und den Reichtum der Erde zu schätzen und zu beschützen. Gemeinsam möchten wir den Garten bewirtschaften, uns um die Schafe kümmern, einfach entspannen, Gesprächsrunden führen oder Workshops zu naturnahen Themen durchführen. Wir freuen uns auch über Ideen und Inspiration!

Beim Spaziergang am Morgen zum Treffpunkt der Spielgruppe ist die Magie dieses Ortes zu spüren. Nach dem Begrüssungsritual rennen die Kinder jauchzend den Hang hinunter. Endlich geht es so richtig los! Und als es zum Z’Mittag Gongt und alle auf Decken um den improvisierten gedeckten Tisch sitzen ist es wieder Still. Plötzlich auch Windstill. Und ein Kribbeln geht durch den Magen. Nicht nur vor Hunger. Es ist dieses Gefühl: Wir haben für die Kleinen und uns etwas ganz Grosses geschafft.

Dieser Text erschien in gekürzter Version im Mai 2021 im Gemeindeblatt Nuglar

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